„Fuck ist das schön!“

Gravel-Gesichter: Anke Eberhardt aus Garmisch-Partenkirchen

Foto: Julian Rohn (@julianrohn)

Stellt euch doch mal vor! Hier lernt ihr die Menschen kennen, die über die mal mehr und mal weniger befestigten Wege dieser Welt graveln. Diesmal: Anke Eberhardt.


Wer?

Für viele Menschen bin ich wahrscheinlich nur „die komische Fahrradfrau aus dem Internet“, wobei es Auslegungssache ist, ob komisch im Sinne von lustig oder merkwürdig gemeint ist. @anke_is_awesome ist mein böses Alter Ego auf Instagram. Aber eigentlich bin ich Journalistin und hatte auch schon ganz ernsthafte Jobs, ich habe zum Beispiel ein Wirtschaftsmagazin für die Süddeutsche Zeitung gemacht.

Aber auf Instagram ziehe ich die Scherze über Influenza und Produktplatzierungen todernst durch und habe damit sogar eine Kolumne im Bergwelten Magazin. Das Tragische: Manche Leute merken nicht, dass das alles ironisch gemeint ist und mir diese ganze Online-Selbstdarstellung eigentlich total zuwider ist. Und noch tragischer: inzwischen habe ich so viele Follower, dass ich plötzlich wirklich zum Influencer geworden bin. Doppelte Ironie quasi.

Und seit ich im Corona-Lockdown die Schnapsidee hatte, auch noch Fahrrad-Tutorials auf YouTube zu machen, eskaliert das ganze Fame Game noch mehr. Dabei bin ich der glücklichste Mensch, wenn mein Handy im Flugmodus ist.

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Foto: Franca Hoyer (@francahoyer)

Woher?

Eigentlich komme ich aus Stuttgart, bin aber nach der Schule nach München gezogen, um für ein Snowbard-Magazin zu schreiben. Ich habe mich auch seit jeher mit Brettsport identifiziert und von einem gescheiterten Mountainbike-Versuch abgesehen, war das Fahrrad nur zweckmäßiges Fortbewegungsmittel in der Stadt.

Warum?

Nachdem ich mir 2017 beim Snowboarden das Kreuzband gerissen hab und erstmal nicht mehr fahren konnte, mussten Alternativen her. Und dann kam die schicksalshafte Redaktionssitzung im Red Bull Media House, als ein Kollege vom Bergwelten Magazin meinte: „Gravelbike, das ist doch der neue heiße Scheiß – willst du da nicht einen Artikel drüber machen, Anke?“ Und ich so: „Klar, Gravelbiken, wollte ich schon immer mal!“, verlasse den Konferenzraum und google „Was ist ein Gravelbike?“ Ich hatte keine Ahnung.

Aber nach dem Shooting war ich total angefixt und hab mir sofort ein Rad gekauft. Ich hätte nie gedacht, dass nochmal irgendetwas einen so großen Stellenwert in meinem Leben haben würde, aber inzwischen will ich eigentlich nichts anderes mehr machen außer Radfahren.

Man könnte meinen...

Anke mag ihr Specialized Diverge...

... und Bananen. Fotos: Julian Rohn (@julianrohn)

Wo?

Mittlerweile bin ich noch näher an die Berge gezogen und wohne in Garmisch. Was auch der Grund war, warum ich als erstes ein Gravelbike gekauft habe. Denn es gibt so viele unfassbar schöne Strecken in der Ecke und die schönsten bestehen eigentlich immer aus Schotter. Ein paar meiner Lieblingsrunden gibt’s hier auf komoot. Mit dem Rennrad bleibt man da wortwörtlich auf der Strecke. Und mein Diverge war perfekt, um das neue Zuhause auszukundschaften.

Wie?

Kniebedingt bin ich oft vor allem eines: langsam aber sicher.

Mit wem?

Und weil ich vorab nie so richtig einschätzen kann, ob das Knie Bock hat, fahre ich meistens allein. Hört sich vielleicht für manche Menschen traurig an und natürlich bin ich auch gern mit Freunden unterwegs. Aber ich liebe es, wenn ich genau dann losfahren kann wann ich will, so schnell wie ich will (oder kann) und wenn ich Lust habe, nach links zu fahren, nach links abzubiegen und wenn sich rechts doch besser anfühlt, dann eben nach rechts.

So cool es ist, gemeinsam mit Leuten unterwegs zu sein und Erlebnisse zu teilen, kommt man allein auf dem Rad in einen ganz anderen Zen. Schnaufen, Treten und zwischendurch einfach stehenbleiben, auf die Isar schauen und sich denken „Fuck ist das schön!“ Das ist einer der Gründe, warum ich Radfahren liebe. Dass man von Kaffeefahrt auf Lungenkollaps umschalten kann, oder halt auch nicht.

Den Influencer-Zirkus stets im Griff. Foto: Julian Rohn (@julianrohn)

Wie oft?

So oft, wie es der Körper zulässt. Und auch die Frage nach den gefahrenen Kilometern pro Jahr kann ich nicht beantworten, weil mir Strava egal ist. Der Leistungsaspekt beim Radfahren ist mir immer noch ziemlich suspekt.

Sich herauszufordern ist großartig, wenn man Spaß daran hat und ich war auch stolz, als ich das erste Mal 150 Kilometer gefahren bin. Aber ich sehe so oft Leute an den schönsten Aussichtspunkten vorbeiballern, die vor lauter Blut schwitzen das Panorama nicht genießen können und das ist einfach nicht meins. Das meine ich nicht abwertend, denn es tut gut, sich mal totzutreten und jede/r soll machen was und wie es beliebt. Aber für mich sind nicht die, die besten Radfahrer, die am meisten Höhenmeter und Watt treten können, sondern die, die am meisten Spaß haben.

Wann?

Um die Frage ganz eigennützig zu verstehen: „Wann geht’s weiter mit neuen YouTube-Videos?“ Denn die Frage habe ich täglich in den verschiedenen Posteingängen gehabt. Also hiermit die Antwort: Ab jetzt gibt’s alle zwei Wochen montags neue Videos bei How To fahrRad

Als ich die Serie 2021 gestartet habe, hatte ich einen Schlauch in meinem Leben gewechselt. Jetzt bin ich plötzlich der Fahrrad-Erklärbär. Wenn mir das damals in der SZ-Wirtschaftsredaktion jemand prophezeit hätte, ich hätte eine Wette verloren.

Wohin?

Spoiler: Ganz ganz vielleicht gibt es bald auch Reisevideos auf YouTube! Ansonsten einfach auf komoot folgen. Auch das ist Schleichwerbung, im wortwörtlichsten Sinne, was die Durchschnittsgeschwindigkeit der Touren anbelangt.

Aber wohin die Reise sonst geht? Wahrscheinlich werde ich eines Tages aufwachen, alle Social-Media-Accounts löschen und glücklich mit meinem Gravelbike in den Sonnenuntergang rollen. Aber bis dahin können wir ja noch etwas Spaß haben mit diesem komischen Internet...

Foto: Julian Rohn (@julianrohn)

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